Wer hilft Betroffenen von damals? Und wer den Kindern und Jugendlichen heute?

The Daily Abuse

2010 begann die Lawine der Fälle sexuellen Missbrauchs in Institutionen. Opfer berichteten Fälle der vergangenen Jahrzehnte und ließen sich nicht mehr zum Schweigen bringen.

Dachte man.

Wer übernimmt endlich die Verantwortung?

Die aktuelle Debatte um pädokriminelle Strömungen, die unter anderem Einfluss fanden bei den Grünen, den Jungen Liberalen, dem Kinderschutzbund und selbst in vom Berliner Senat finanzierten sozialpädagogischen Projekten, zeigt jedoch vor allem eines: Nur wenige übernehmen Verantwortung und treten tatsächlich für Betroffene ein.

Stattdessen hören wir dieser Tage viele Schuldzuweisungen und sehen viele mit dem Finger der Verantwortung auf andere zeigen. Wir hören keine leisen Töne und wir hören vor allem niemanden, der sagt jetzt packen wir es wirklich an.

Nicht die noch regierende Parteien, nicht die an die Macht strebenden Parteien, noch nicht einmal den unabhängigen Beauftragten zu Fragen sexuellen Kindesmissbrauchs.

Missbrauch ist immer hochaktuell

Im Jahr 2012 wurden 12.623 Fälle sexuellen Missbrauchs zur Anzeige gebracht.

Hinter dieser Zahl verbergen sich 14.865 missbrauchte Mädchen und Jungen.

Nehmen wir an, diese Mädchen und Jungen werden 20mal missbraucht, bevor sie Hilfe finden.

Dann sprechen wir über mindestens 297.300 Missbrauchshandlungen im Jahr: 297.300mal Angst, Schmerz, Ohnmacht, Ekel, Scham, sich der Übermacht des Täters oder der Täterin ausgeliefert fühlen.

Das sind mindestens 24.775 Missbrauchshandlungen pro Monat. Oder 814 Missbrauchshandlungen am Tag. Oder 34 in der Stunde.

Das bedeutet: alle 34 Sekunden beginnt ein Missbrauch in Deutschland – und das sind nur die angezeigten Fälle.

Führen wir uns jetzt vor Augen, dass laut einer Studie des kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsens nur jeder 5. Missbrauch angezeigt wird. Das heißt, wir sprechen von 63.115 Fällen sexuellen Missbrauchs alleine im vergangenen Jahr. Wie viele Handlungen mögen das sein?

Also welche Signale senden wir?

Welches Signal senden wir denen, die Missbrauch überstanden? Dürfen sie tatsächlich  darüber sprechen? Oder müssen sie nicht doch lieber weiter schweigen, weil sie immer noch auf Ausgrenzung und Unverständnis stoßen.

Welches Signal senden wir den Mädchen und Jungen, die heute missbraucht werden? Sind wir bereit ihnen zu helfen? Wirklich zuzuhören? Ihnen Sicherheit zu geben und nicht wie auch jetzt die Verantwortung abzuwälzen.

Zum Weltkindertag, zwei Tage vor der Bundestagswahl 2013 ist ein guter Zeitpunkt für alle Parteien und die Gesellschaft sich ihrer Verantwortung zu stellen: Sexuellen Missbrauch zu bekämpfen, Opferversorgung zu gewährleisten und funktionierende Prävention voranzuteiben.

Die richtigen Fragen

Seit Wochen plagen sich die Grünen mit der Pädophilie-Debatte vergangener Jahre. Auch die FDP hat es erreicht und jetzt den Kinderschutzbund. Es wird bedauert, gemauert und alle arbeiten sich daran ab. Es wird gestritten, gemahnt oder an den falschen Stellen laut geschwiegen.

Aber wo bleiben die dringenden Fragen, die wir JETZT stellen müssen?

Wer fragt die Parteien so kurz vor der Wahl nach ihrem Programm gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch für die nächste Legislaturperiode?

Warum mischt sich der unabhängige Missbrauchsbeauftragte in diese Debatte nicht kräftig ein? Hat er Furcht um die Verlängerung seiner Stelle, die am nächsten Sonntag offiziell ausläuft?

Wer nimmt die Bundesländer an die Kandare, die sich aus Ihrer Verantwortung stehlen?

Wo sind die Stimmen der Verbände der Jugendhilfe?

Wo die der Fachberatungsstellen gegen sexuellen Missbrauch und Gewalt?

Wo sind die Parteien selbst?

Was geschieht mit der langen Mängelliste, die durch Christine Bergmanns Untersuchung der Hilfelandschaft entstanden ist?

Wer kümmert sich wirklich um den Online-Kinderschutz?

Missbrauch geschieht täglich

Wer erkennt endlich, dass trotz der offenen Diskussion um das Thema auch heute noch täglich 34 Fälle sexuellen Missbrauchs bei der Polizei angezeigt werden? 2012 waren das 12.623 Anzeigen. Das sind genau betrachtet 1,4 Missbrauchsfälle pro Stunde, also einer alle 42 Minuten. Und das sind nur die bekannten, polizeilich erfassten Fälle.

Wir alle wissen: Es schweigen viel mehr Opfer und es ist unsere Aufgabe sie zu erreichen, ihnen zu helfen, sie zu beschützen.

Und wir wissen auch längst: Das Netz hat das gefährliche Nahfeld, in denen Täter auf Mädchen und Jungen zugreifen, beinahe unendlich vergrößert. Was tun wir, um Kindern und Jugendlichen mehr Schutz und Orientierung im Cyberspace zu geben?

Lippenbekenntnisse sind längst nicht mehr genug.

Sie führen ins Leere – wie uns das unerträgliche Herumgeeiere der Grünen, der FDP und des Kinderschutzbundes vorführt. Man spürt fast, wie erleichtert alle anderen Parteien sind, dass ‚es’, dieses ‚schmutzige’, dieses ‚igitt-igitt’ Thema sie nicht erreicht hat. Man spürt den Widerwillen der Medien, der Gesellschaft sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Die Idee herrscht, es betrifft doch irgendwie nur die ‚anderen.’

Aber das stimmt nicht. Jedes 4./5. Mädchen – jeder 7./9. Junge wird bis zum 18. Lebensjahr Opfer eines sexualisierten Übergriffs – von der Begegnung mit einem Exhibitionisten bis hin zum schweren sexuellen Missbrauch. Das bedeutet, wir alle kennen Opfer in unserem Umfeld, ohne es zu wissen. Und das bedeutet auch, wir alle kennen Täter und Täterinnen in unserem Umfeld.

Missbrauch geschieht mitten unter uns. Wir könnten viel mehr dagegen tun. Nie war die Chance dafür so groß wie heute.

Die richtige Frage ist also, wie wollen die Parteien in der nächsten Legislatur Gewalt an und Missbrauch von Kindern aktiv bekämpfen? Wie wollen sie Opfern helfen? Wie Betroffene von heute und gestern adäquat versorgen?

Wann geht es endlich los?