Der Themenabend zu sexuellem Missbrauch in der ARD hat viel ausgelöst

Hier einige Stimmen:

Missbrauch an der Odenwaldschule durch gefeierte Reformpädagogen. Ist es zulässig, dazu einen Spielfilm zu machen? fragt faz.net

Reaktionen einiger Betroffener der Odenwaldschule auf den Film „Die Auserwählten.“ Ebenfalls in faz.net

Hat der anschließende Talk bei „Anne Will“ das Thema verfehlt? NOZ

Die Odenwaldschule beklagt, dass keiner ihrer Vertreter zu „Anne Will“ eingeladen war. faz.net

Der Themenabend in der ARD sorgt für Wirbel – auch online. „Die Auserwählten“ musste dabei auch Kritik einstecken konstatiert der stern

Sexueller Missbrauch als Thema bei „Anne Will“.  War die Runde wirklich so hoffnungslos, wie der Artikel beschreibt? Welt

Meine Meinung: Bei „Anne Will“ war es Adrian Koerfer von Glasbrechen e.V. zu verdanken, dass Themen wie Missbrauch in Institutionen außerhalb der OSO oder der katholischen Kirche, Missbrauch an Mädchen und Missbrauch durch Frauen überhaupt angesprochen wurden.

Hoffen wir also, dass die vielen Reaktionen den Kampf gegen sexuellen Missbrauch wirklich befördern!!

Digitaler Kinderschutz

Digitaler Kinderschutz

Julia von Weiler fordert, den  Sprung vom Polaroid- ins Digital-Zeitalter zu vollziehen, um Kinder gegen die vielfältigen Missbrauchsgefahren im Netz zu schützen. Sie fordert, Anbieter gesetzlich zu verpflichten, Angebote für Kinder den Standards des Kinderschutzes zu unterwerfen. Dazu gehört zum Beispiel die Verpflichtung zu einer Altersverifikationen und Kinder/Jugend-Chats bzw. Onlinespiele für Kinder/Jugendliche oder an Kinder/Jugendliche gerichtete soziale Netzwerke nur moderiert anzubieten.

Digitaler Kinderschutz 

Im Juli vergangenen Jahres loggte sich ein Mann in einem Kinderchat ein. Er gab sich als Teenager aus, nannte sich “Marco” und begann mit einem 13-Jährigen Mädchen zu chatten. Sie verliebte sich in ihn. Nach einer Weile nahm er online noch eine zweite Identität an. Als „Bianca“ wurde er zu einer Freundin. Und dann trat er in der Rolle eines Russen-Mafiosos auf. Als der drohte er dem Mädchen, ihren Freund „Marco“ zu töten und sie in ein Bordell zu entführen, wenn sie sich nicht mit ihm per­sönlich treffen würde. “Bianca” riet, der “Mafioso” drohte, und das verwirrte Mädchen machte sich auf zu einer verhängnisvollen Begegnung. Der Mann missbrauchte sie schwer, auf deutsch: er vergewal­tigte sie.

“Er baute ein raffiniertes System aus Lügen und Manipulation auf und hat sich das Mädchen so gefü­gig gemacht.” So sollte später die Analyse des Gerichts lauten, das den 38jährigen Tä­ter zu fünf Jahren und neun Monaten Haft verurteilte. Das alles klingt wie in einem fantasti­schen Film, ist aber bittere Realität. Das Vorgehen ist nur eines von vielen Beispielen für die perfiden Strategien, die Täter und Täterinnen nutzen, um sich Kindern und Jugendlichen im Netz zu nähern, sie real zu treffen und dann zu missbrauchen.

… Veröffentlicht am 31. März 2014 von redaktion@kreuz-und-quer.de

Digitaler Exhibitionismus

Digitaler Exhibitionismus

Eine neue Form des sexuellen Missbrauchs ist durch aktive Teilnahme unserer Kinder möglich geworden: Das arglos ins Internet gestellte Selfie wird immer häufiger zu Material und Handelsware für pädokriminelle Täter.

Von JULIA VON WEILER

Im Oktober 2012 nahm sich ein 15-jähriges Mädchen das Leben. Sie starb vor Verzweiflung darüber, dass sie geärgert und gemobbt wurde. Hundertfach, tausendfach machten sich Menschen im Netz über sie lustig, genauer gesagt: über ihren Körper. Der Tod der Amanda Todd ist nicht irgendeine der vielen beklagenswerten Selbsttötungen, die Jugendliche seit den „Leiden des jungen Werther“ begehen. Amanda markiert einen längst vollzogenen Wendepunkt des Mobbings im Netz – eine Folge dessen, was man den digitalen Exhibitionismus nennen kann.

Die digitalen Medien haben die Gesellschaft nachhaltig verändert. Wir sollten unsere paradiesische Naivität aufgeben und uns den Realitäten stellen. Wir müssen erkennen, was das Neue an der weltweiten digitalen Vernetzung bedeutet – besonders für Jugendliche, die dort ihre Identität suchen.

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F.A.S. Feuilleton, 16.03.2014 (print)

Der verschleppte Kampf der Politik gegen Kinderpornografie

Kaum gerät die Politik selbst in den Strudel eines Missbrauchsfalles, merkt man wie kopflos und falsch sie reagiert.

Mit dem Fall Edathy kommt in der hohen Politik der Alltag an. Der Alltag im Umgang mit sexuellem Missbrauch. Mitten unter uns, jeden Tag, zu jeder Zeit, an jedem Ort.

Schuld sind immer die anderen

Die Politik beklagt die langsame Vorgehensweise des BKA. Wie kann es sein, so schreien alle ganz laut in jede Kamera, die sich ihnen bietet, dass die Erkenntnisse aus dem kanadischen Fall Spade so lange liegen blieben. Die einen werfen dem BKA wahlweise Vertuschung oder Konspiration gegen den NSU-Ausschuss-Chef Edathy vor. Die anderen sprechen einfach von unfähigen Trotteln im Bundeskriminalamt.

In diesen (zwei Wochen dauernden) hysterischen Ausfällen nimmt sich niemand die Zeit, mit den Fachleuten zu sprechen, für die das tägliches Geschäft ist. Opferberatungsstellen wissen: Wenn Anzeige wegen Missbrauchs erstattet wird, dann gibt es so gut wie nie zügige Ermittlungen. Warum? Weil die Strafverfolgungsbehörden unterbesetzt und überarbeitet sind.

Bereits im August 2008 forderte das BKA gemeinsam mit Dunkelziffer e.V. und Innocence in Danger e.V. neue Wege in der Bekämpfung von Kinderpornografie, der Verbreitung von Missbrauchsabbildungen. Auch der Rücktritt des prominenten Staatsanwalts Peter Vogt aus Halle im Jahr 2009 richtete das Augenmerk auf den Missstand: Es wird zu langsam ermittelt, denn die Strafverfolger sind hoffnungslos unterbesetzt. Gleichzeitig explodieren missbräuchliche Sexualisierung, Cybergrooming und Kinderpornografie im Netz zusammen mit der rapiden Zunahme von mobilen Endgeräten. Vogt sagte mehrfach, „wir haben den Kampf gegen Kinderpornografie verloren.“ Die Presse berichtete ein wenig, die Gesellschaft war sorgenvoll verwundert, alle wollten ein bisschen was tun. Irgendwie so.

Passiert aber ist – nichts.

Nirgends gibt es so wenige Cybercops und eine so netzaffine Anti-Kontroll-Lobby wie hierzulande.

Nun trifft das Resultat genau dieses Zustandes die Politik. Sie reibt sich verwundert die Augen und sucht nach Schuldigen. Natürlich immer wo anders, nie bei sich, ihren Entscheidungen und Haltungen.

Die Politik hat die Mittel in der Hand

Die Politik ist ja auch schon seit drei Jahren ganz nah dran – eigentlich. Es gab einen „Runden Tisch sexueller Kindesmissbrauch“ und es gibt einen „Beauftragten zu Fragen sexuellen Kindesmissbrauchs„. Aber wenn die politischen Institutionen selbst betroffen sind, man denke an die Diskussion um die Grünen, aktuell die SPD und, wenn man so will, die gesamte Regierung, dann tun alle so, als passiere etwas völlig neues, außergewöhnliches.

Wir stellen also fest: die politischen Akteure, vom Gesetzgeber über die Regierung bis zur Staatsanwaltschaft reagieren in einem solchen Fall wie eine schrecklich normale Familie oder eine ordinäre Institution, die von Missbrauch betroffen ist: Hektisch bis hysterisch versucht man alle Verantwortung von sich zu weisen, verwischt in lautem Gezänk alle Spuren und streitet sich hauptsächlich um die eigene oder die Reputation des armen Täters. Nur die Opfer bleiben allein – mal wieder. Man muss sich vorstellen: Seit zwei Wochen wird der Fall Edathy im deutschen Fernsehen verhandelt und es kam dort noch kein einziger Betroffener zu Wort.

Das ist ein Skandal.

Das führt den Bürgern vor, wie wenig der Kampf gegen sexualisierte Gewalt in der Politik bisher wirklich angekommen ist. Es sind die Regierenden, die jetzt zeigen, dass sie so gut wie nichts begriffen haben von dem, was Missbrauch darstellt und ihn ausmacht.

Man hätte gewarnt sein können.

Erinnern wir uns wie kaltschnäuzig die Länder den Hilfsfonds für Opfer sexueller Gewalt boykottierten; wie lässig Frau Leutheusser-Scharrenberger die Verlängerung der Verjährungsfristen sabotierte; wie dreist die Grünen ihre pädophil unterströmte Vergangenheit erst leugneten, dann schönredeten und die Existenz von Opfern in den eigenen Reihen auch heute noch bestreiten. Gerade so, als hätte es das Canisius-Kolleg, die Odenwaldschule, die Berliner Parkeisenbahn, den Jungen, der seinen Peiniger vor Verzweiflung umgebracht hat, den Bericht Pola Kinskis, die Missbrauch geradezu verherrlichenden Sätze Cohn-Bendits, die verschleppte Aufklärung der Heimkinder Ost, etc., als hätte es das alles nie gegeben.

Chance und Aufforderung zugleich

Und doch bietet sich in all diesem Wahnsinn wieder eine große Chance. Bewusstsein zu schärfen – und endlich wirklich wichtige Strukturen zu schaffen. Dabei müssen die Betroffenen mit absolutem Vorrang behandelt werden.

Die Entschädigungs- und Hilfefonds müssen jetzt vollständig gefüllt und zugänglich gemacht werden.

Der Ausbau der Beratungsstellen gegen sexuellen Missbrauch muss genau so vorangetrieben werden, wie der Ausbau von Anlaufstellen für Pädophile bzw. Täter. Dabei gilt es endlich das  Wissen, nämlich dass knapp 60% der Täter nicht pädophil sind einzubeziehen.

Wir brauchen die Möglichkeit nach britischem oder amerikanischen Vorbild jederzeit eine unabhängige Aufklärungskommission zu berufen, um im Institutionen oder Organisationen egal welcher Art untersuchen zu können.

Der Sprung vom Polaroid- ins digitale Zeitalter

Der digitale Kinderschutz muss rechtlich verankert werden. Er muss den Sprung ins heute schaffen. In ein Zeitalter in dem man überall und jederzeit mit seinem Telefon oder Tablet entblößende oder gar sexualisierte Fotos schießen, hochladen und verbreiten kann.

Hoffen wir, dass diese Chance nicht wieder ungenutzt verstreicht.

In Digitalien scheint immer die Sonne!

Bei den Koalitionsverhandlungen wird viel gerungen. Jede der beiden großen Parteien versucht, ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen. Nur in der Unterarbeitsgruppe Digitale Agenda, der AG Medien und Kultur, herrscht große Einmütigkeit: Digitalien für alle! Breitbandausbau überall in Deutschland, Tablets für alle Kinder und Jugendlichen in der Bildung.

Das ist wunderbar und wichtig. Alle sollen gleichermaßen teilhaben sollen an diesen tollen Angeboten. Keiner ausgeschlossen werden von den vielen Möglichkeiten sich zu bilden, zu informieren, die Welt digital zu entdecken.

Probleme gibt es nicht. Kein digitaler Misston.

Oder doch?

Doch, der Datenschutz klappt in Zeiten von NSA und Prism nicht so recht.

Aber sonst trübt nichts die digitale Harmonie. Kein Wort zur Gewalt im Netz – zu der übrigens auch die vielgerühmten Shitstorms zählen. Also kein Wort zu Cyberbullying. Kein Wort zu der wachsenden Dimension von sexuellem Missbrauch via Webcam. In Zeiten von „Sweetie“ und der „Operation Spade„, dem aktuellen Inbegriff bestellten und organisierten Missbrauchs, Kinderhandels und Kindersextourismus.

Sweetie ist eine virtuelle Kunstfigur, eine 10jährige philippinische Mädchenanimation, bereitgestellt von „terre des hommes“ Niederlande, deren Körper binnen weniger Wochen 20.000 Männer weltweit kaufen wollten. Operation Spade ist die Aushebung eines Kinderpornografie-Rings. Bestellt wurde der sexuelle Missbrauch vor allem in Osteuropa. Missbraucht, vergewaltigt und dabei gefilmt wurden vor allem Jungs. Allein beim 42-jährigen Haupttäter wurden 45 Terabyte Daten mit Filmen und Fotos von sexuellem Missbrauch sichergestellt. Druckte man das auf DinA4 Papier, so ergäbe es 1.125 Kilometer. Stellen Sie sich die Autobahnstrecke Berlin – Venedig vor als eine Aneinanderreihung von Bildern sexuellen Missbrauchs.

Alles Ausnahmen! So hört man sofort.

Quatsch.

Die Kunden waren Ärzte, Lehrer, Pfarrer, Pfadfinder – ganz normale Typen halt. Nicht organisierte Kriminelle, aber Täter, die sich an der abgefilmten Vergewaltigung von Kindern befriedigen und selber Teil des Missbrauchs werden.

In Digitalien scheint eben nicht immer die Sonne.

Wir sollten jetzt sofort beginnen, Schutzmaßnahmen zu treffen.

Das sollten auch die Koalitionäre, die gerade die Politik der nächsten vier Jahre entwerfen, nicht vergessen. Wir brauchen vielleicht ein schnelles Breitbandnetz und möglicherweise auch Tablet-PCs für jede Schülerin und jeden Schüler.

Aber wir brauchen ganz sicher, einen verstehbaren, leicht handhabbaren und wirksamen Schutz für Kinder, wenn sie noch schneller und noch überaller surfen, chatten und sich ausprobieren.