Eine vertane Chance

„Die Auserwählten“ soll aufrütteln. Der Regisseur Christoph Röhl will erklären, wie sehr Opfer sexuellen Missbrauchs auch unter dem Wegschauen der Mitläufer leiden. Dazu hat er sich einen der prominentesten Orte organisierten Missbrauchs ausgesucht, den Deutschland zu bieten hat. Die Odenwaldschule.

„… und wir sind nicht die Einzigen“

Christoph Röhl hat 2011 schon einmal einen Film über die Odenwaldschule gemacht: „… und wir sind nicht die Einzigen.“ Für diese beeindruckende Dokumentation gaben ihm beeindruckende Menschen Zeugnis ihres Leids. Sie öffneten sich, erzählten ihre Geschichten – für die Kamera, die Öffentlichkeit. Er, der Regisseur, eröffnete den Betroffenen einen Kanal. Und sie nutzten die Chance.

Fiktion kopiert Geschichte

Diese Erlebnisse wollte Röhl für seinen Spielfilm fiktionalisieren und dennoch hat er an wesentlichen Stellen Figuren und Orte kopiert. Das beginnt mit dem Drehort – der Odenwaldschule. Es geht weiter mit dem damals missbrauchenden Schulleiter und der aufrüttelnden Schulleiterin von 2010. Und endet bei einem der vielen, vielen Opfer. Christoph Röhl wählt aus, welches Gesicht wir uns vorstellen werden, wenn wir über Missbrauch an der OSO nachdenken.

Doch genau da, an diesem heiklen, wunden Punkt begeht Röhl einen schwerwiegenden Fehler. Denn er entscheidet sich ganz zweifellos für das Gesicht eines der vielen tatsächlichen Opfer: Andreas Huckele. Dieser Mann klagte 1999 den Missbrauch in einem Brief an die Odenwaldschule an. Der Brief endete mit den Worten „und wir sind nicht die Einzigen“ und wurde doch nicht gehört – bis 2010 und bis Christoph Röhl seinen Film danach benannte.

Andreas Huckele hat nicht aufgegeben. Er hat seine Geschichte aufgeschrieben und damit die Kontrolle über seine Vergangenheit gewonnen. Er ist ein Mann an dem sich viele reiben, weil er unbequem ist. Analytisch und sehr klar in seinem Auftreten vertritt er seine Position und verteidigt, da wo es sein muss.

Sexueller Missbrauch verändert das Leben eines Kindes – unwiederbringlich

Die Figur des Kindes Frank Hoffmann ähnelt dem Kind Andreas Huckele äußerlich so frappierend, dass man schockiert erstarrt. Warum musste das sein? Die Art, wie Gerold Becker die Jungs an der Odenwaldschule missbrauchte ähnelt sich – natürlich. Denn der Täter (oder die Täterin) wählt das Opfer als Objekt der Befriedigung. Es geht ihm dabei ausschließlich um sich selbst. Die Person des Opfers spielt nicht wirklich eine Rolle. Das bedeutet, diese Geschichten – und das ist eine der größten schmerzlichen Erkenntnisse für viele Betroffene – sind für den Täter nichts Besonderes.

Sehr wohl aber für die betroffenen Opfer. Jeder Missbrauch verändert ihr Leben unwiederbringlich. Nichts wird je so sein, wie es hätte werden können. Jeder und jede entwickelt eigene Mechanismen zum Überleben. Für jeden und jede bedeutet das einen ganz persönlichen Kampf. Und viele kämpfen auch in der Gesellschaft gegen sexuellen Missbrauch, egal wo er geschieht.

Der Regisseur wählt aus

Durch die erkennbare Personifizierung hebt Christoph Röhl einen von ihnen nun besonders hervor – im Namen des Filmemachens, im Namen der Aufklärung, aber eben nicht im Namen der Betroffenen. Leider. Denn seine Auswahl führt dazu, dass Spaltung und Verletzung fortgesetzt werden. Die Betroffenen sind zerstritten und gelten – mal wieder – als schwierig. Natürlich erkennen sie sich alle wieder in den Geschichten. Dieser Film konfrontiert alle mit ihrem Schicksal und sie alle haben ein Recht darauf gesehen, anerkannt zu werden – ohne Konkurrenz. Sie meistern ihr Schicksal und viele von ihnen bestechen immer wieder durch ihren großen Mut, zu reden!

Mit seinem Vorgehen hat Christoph Röhl – der ihnen schon so viel zu verdanken hat – den Betroffenen der Odenwaldschule leider einen Bärendienst erwiesen. Das ist schade. Denn es ist eine vertane Chance für Aufklärung. Ist Andreas Huckele, der für seine empfundenen verletzten Persönlichkeitsrechte eintritt und sich nicht einfach so instrumentalisieren lassen will, nun der große Spielverderber? Muss er um des großen Bildes willen, den Mund halten? Sind die, die ihm das übel nehmen, weil sie an die große Wirkung des Films glauben, illoyal? Müssen alle Betroffenen immer einer Meinung sein?

All das hätte leicht vermieden werden können, wenn Christoph Röhl sein Versprechen der Fiktionalisierung wirklich gehalten hätte. Denn egal wie die Auseinandersetzung um die Ausstrahlung am Mittwoch nun ausgeht, es wird ein Schaden entstehen. Wird der Film ausgestrahlt, so geht er auf Kosten der Integrität und Achtsamkeit. Wird er nicht ausgestrahlt, so verliert sich die Möglichkeit das breite Publikum zumindest ein Stückchen aufzuklären.

Erinnern wird man sich, egal wie, wohl an den Streit der Betroffenen. Und das haben sie nicht verdient.

Sexting: Die nackte Wahrheit, die Eltern wissen müssen!

Was ist Sexting?

Haben Sie schon einmal von Sexting gehört? Die meisten Erwachsenen, aber auch viele Kinder und Jugendliche schauen ziemlich ratlos, wenn man sie danach fragt.
Das Wort setzt sich aus den Wörtern „sex” und „texting” (englisch für „simsen”) zusammen und bezeichnet das digitale Verschicken von sexuellen Inhalten wie Texte, Bilder aber auch Filme. Mittlerweile ist Sexting unter Jugendlichen sowie unter Erwachsenen sehr verbreitet.

Sexting ist aufregend und cool

Gerade in der Pubertät, in der sich Jugendliche mit den Fragen beschäftigen „Wie attraktiv bin ich?”, „Wie komme ich an?”, „Was sagen andere zu mir?”, „Und wie fühle ich mich dabei?” sehen sie im Sexting eine mögliche Art, sich auszuprobieren und viel über sich selbst und andere zu lernen. Allerdings gehört eine Portion Mut dazu und natürlich ein großes Vertrauen in den Empfänger oder die Empfängerin der Nachricht. Für Jugendliche ist Sexting aufregend, cool und erscheint im ersten Moment als sicher: Man ist in einem geschützten Raum – bei sich zu Hause oder bei Freunden – macht nur ein Foto oder ein Filmchen und schickt es dann an seinen Schwarm. Da ist doch nichts dabei, oder?

Sexting ist ein großes Risiko

Es stimmt! Erst einmal ist nichts dabei, einer Freundin oder einem Freund ein sexy Bild zu schicken. Und doch geht jeder, der eine digitale Nachricht mit sexuellem Inhalt verschickt, ein sehr großes Risiko ein. Wenn ein Foto oder ein Film erst einmal per WhatsApp, Skype, Facebook o. ä. versandt wurde, verliert der Sender jegliche Kontrolle. Denn jeder, der diesen Inhalt in die Hände bekommt, kann ihn kopieren, verändern und verbreiten. Wirklich jeder!
Das kann der Freund oder die Freundin sein, die einen schlechten Tag hat und das Foto einfach weiterverschickt oder jemand, der eifersüchtig ist, und sich nur mal einen kleinen Spaß erlauben will.

Wenn aus „Spaß“ Cybermobbing wird

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Digitaler Kinderschutz in Zeiten von Selfies, Sexting und Sextortion

Was muss ich tun, damit Ihr das Bild nicht meiner Familie zeigt?

Ein 17jähriger Schotte hatte zu große Angst vor der Bloßstellung durch einen Erpresserring. Er nahm sich das Leben. Durch Operation Strikeback verhaftete Interpol 58 Mitglieder eines „Internet Erpresserrings“, der seine Opfer – vornehmlich Männer und Jungs – mithilfe einer weiblich, sexy Fake-Identität verführt Nacktfotos oder Masturbationsvideos von sich zu versenden. Ist das Bild verschickt, schnappt die Falle zu. Das Opfer wird aufgefordert Geld zu zahlen, um eine. Veröffentlichung des Sexting Selfies zu verhindern. Zwischen 500 und 1.500 US Dollar zahlen die Opfer laut Interpol. Die Opfer stammten meistens aus aus Hongkong, Indonesien, Singapur, den Philippinen, USA und Großbritannien.

Wenn das Sexting Selfie zur Waffe gegen sich selbst wird

Amerikanische und englische Studien belegen, jedes 4. Mädchen hat schon einmal ein Sexting Selfie von sich verschickt oder gepostet. In Deutschland immerhin schon jedes 6. Mädchen und jeder 9. Junge sagt eine Studie aus Merseburg. Selfies und Sexting sind wichtig im Zeitalter des digitalen Exhibitionismus. Nur wer sich präsentiert und schön ist, ist ganz vorne mit dabei. 

Cybergrooming hin zum sexuellen Missbrauch

Sexting ist ein perfektes Mittel für Täter und Täterinnen auf der Suche nach Opfern. Hat ein Mädchen oder Junge erst einmal ein Nacktbild von sich verschickt, steigt der Druck – weitere Bilder von sich zu schicken, andere Mädchen oder Jungen vor die Kamera zu locken oder sich zu treffen. Noch nie war es so leicht wie heute Mädchen und Jungen zu treffen. Online in sozialen Netzwerken oder Spielen über Skype oder Messenger wie WhatsApp. Die Auswahl ist groß, das Risiko klein. Hunderte und gar 1000ende Mädchen oder Jungen werden so zu Opfern wie der Fall eines 20jährigen Täters aus Österreich beweist.

Der Sprung vom Polaroid- ins Digital-Zeitalter

Wir müssen Kinder gegen die vielfältigen Missbrauchsgefahren im Netz schützen. Das heißt wir müssen Anbieter gesetzlich verpflichten, Angebote für Kinder den Standards des Kinderschutzes zu unterwerfen. Dazu gehört zum Beispiel die Verpflichtung zu einer Altersverifikationen genauso wie alle interaktiven Onlineangebote für Kinder und Jugendliche (Chats, Onlinespiele, soziale Netzwerke) nur moderiert anzubieten.

 

„Facebook ist ein Eldorado für Pädokriminelle“

„Facebook ist ein Eldorado für Pädokriminelle“

Der Fall Sebastian Edathy hat die Debatte um Kinderpornografie neu entfacht. Im Interview mit der Berliner Morgenpost fordert die Geschäftsführerin von Innocence in Danger verschärfte Gesetze.

Von Diana Zinkler

Was ist Pornografie, was nicht? Die Nacktbilder jedenfalls, die der zurückgetretene NSU-Ausschussvorsitzende Sebastian Edathy (SPD) vom kanadischen Anbieter „Azov Films“ gekauft hat, gelten im juristischen Sinne nicht als pornografisch und der Kauf als legal. Doch Julia von Weiler, Geschäftsführerin von „Innocence in Danger“, einem internationalen Verein, der sich gegen sexuellen Missbrauch und pornografische Ausbeutung an Kindern im Internet einsetzt, sieht eine Gesetzeslücke. Sie sagt, sexuelle Ausbeutung von Kindern beginnt im Auge des Betrachters und fordert ein Gesetz, das generell den Handel und Tausch mit Nacktbildern von Kindern und Jugendlichen verbietet. Julia von Weiler war auch an der Initiative zur Zugangserschwernis für kinderpornografische Webseiten beteiligt, der 2009 ein entsprechendes Gesetz folgte.

Berliner Morgenpost: Was dachten Sie, als Sie hörten, dass ein Bundestagsabgeordneter Nacktbilder von Kindern bestellt hat?

Julia von Weiler: Ich war nicht überrascht. Das Interesse an kinderpornografischem Material, also Missbrauchsabbildungen, geht durch alle sozialen Schichten. Die Strafverfolgungsbehörden in Australien beschreiben den typischen Kinderpornografie-Konsumenten als leicht über Durchschnitt intelligent, mit einem akademischen Abschluss, in einer Beziehung lebend, nicht vorbestraft und Arbeit habend.

In den ersten Tagen konzentrierten sich die Beteiligten vor allem auf die politische Kungelei, um das Wer-hat-was-zu-wem-gesagt. Wie fanden Sie das?

Die einseitige Debatte um die strafrechtliche Relevanz war unsäglich. Aus der Sicht von Herrn Edathy hätte ich das auch thematisiert, aber aus der Sicht von Kindern und deren Würde war das absolut daneben.

…. Berliner Morgenpost, 22.02.2014

Digitaler Kinderschutz

Digitaler Kinderschutz

Julia von Weiler fordert, den  Sprung vom Polaroid- ins Digital-Zeitalter zu vollziehen, um Kinder gegen die vielfältigen Missbrauchsgefahren im Netz zu schützen. Sie fordert, Anbieter gesetzlich zu verpflichten, Angebote für Kinder den Standards des Kinderschutzes zu unterwerfen. Dazu gehört zum Beispiel die Verpflichtung zu einer Altersverifikationen und Kinder/Jugend-Chats bzw. Onlinespiele für Kinder/Jugendliche oder an Kinder/Jugendliche gerichtete soziale Netzwerke nur moderiert anzubieten.

Digitaler Kinderschutz 

Im Juli vergangenen Jahres loggte sich ein Mann in einem Kinderchat ein. Er gab sich als Teenager aus, nannte sich “Marco” und begann mit einem 13-Jährigen Mädchen zu chatten. Sie verliebte sich in ihn. Nach einer Weile nahm er online noch eine zweite Identität an. Als „Bianca“ wurde er zu einer Freundin. Und dann trat er in der Rolle eines Russen-Mafiosos auf. Als der drohte er dem Mädchen, ihren Freund „Marco“ zu töten und sie in ein Bordell zu entführen, wenn sie sich nicht mit ihm per­sönlich treffen würde. “Bianca” riet, der “Mafioso” drohte, und das verwirrte Mädchen machte sich auf zu einer verhängnisvollen Begegnung. Der Mann missbrauchte sie schwer, auf deutsch: er vergewal­tigte sie.

“Er baute ein raffiniertes System aus Lügen und Manipulation auf und hat sich das Mädchen so gefü­gig gemacht.” So sollte später die Analyse des Gerichts lauten, das den 38jährigen Tä­ter zu fünf Jahren und neun Monaten Haft verurteilte. Das alles klingt wie in einem fantasti­schen Film, ist aber bittere Realität. Das Vorgehen ist nur eines von vielen Beispielen für die perfiden Strategien, die Täter und Täterinnen nutzen, um sich Kindern und Jugendlichen im Netz zu nähern, sie real zu treffen und dann zu missbrauchen.

… Veröffentlicht am 31. März 2014 von redaktion@kreuz-und-quer.de

Digitaler Exhibitionismus

Digitaler Exhibitionismus

Eine neue Form des sexuellen Missbrauchs ist durch aktive Teilnahme unserer Kinder möglich geworden: Das arglos ins Internet gestellte Selfie wird immer häufiger zu Material und Handelsware für pädokriminelle Täter.

Von JULIA VON WEILER

Im Oktober 2012 nahm sich ein 15-jähriges Mädchen das Leben. Sie starb vor Verzweiflung darüber, dass sie geärgert und gemobbt wurde. Hundertfach, tausendfach machten sich Menschen im Netz über sie lustig, genauer gesagt: über ihren Körper. Der Tod der Amanda Todd ist nicht irgendeine der vielen beklagenswerten Selbsttötungen, die Jugendliche seit den „Leiden des jungen Werther“ begehen. Amanda markiert einen längst vollzogenen Wendepunkt des Mobbings im Netz – eine Folge dessen, was man den digitalen Exhibitionismus nennen kann.

Die digitalen Medien haben die Gesellschaft nachhaltig verändert. Wir sollten unsere paradiesische Naivität aufgeben und uns den Realitäten stellen. Wir müssen erkennen, was das Neue an der weltweiten digitalen Vernetzung bedeutet – besonders für Jugendliche, die dort ihre Identität suchen.

….

F.A.S. Feuilleton, 16.03.2014 (print)