Julia von Weiler über digitalen Exhibitionismus und Kinderschutz

„Mädchen erleben täglich Pornos im Netz“

Über digitalen Kinderschutz sprach Julia von Weiler beim 9. Security-Forum von Professor Friedrich Holl an der Fachhochschule Brandenburg. Am Rande stand die Vorsitzende des Vereins „Innocence in Danger“ der MAZ zu einem Interview zur Verfügung.

Netzwerk für Kinderschutz gegen Missbrauch: 95% der Hilfsangebote fehlen.

„Keine Grauzonen im Internet“

Ein Netzwerk unter der Schirmherrschaft von Familienministerin Schwesig kämpft gegen die Verbreitung so genannter Posen-Darstellungen, also geschlechtsbetonter Nacktaufnahmen von Kindern. Es ist ein wirklich wichtiges Signal: Die Würde von Kindern ist unantastbar auch im Zeitalter des digitalen Exhibitionismus.

Ministerin Schwesig und das Bundesfamilienministerium, jugendschutz.net, das Zentrum für Kinderschutz im Internet (I-KiZ), die Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter (fsm) und Goolge bilden dieses „Netzwerk gegen Missbrauch und sexuelle Ausbeutung von Kindern.“

Achtung

Bei einschlägigen Suchanfragen nach nackten Kindekörpern platziert Google eine Warn-Anzeige. Folgen Nutzer diesem Link, lesen sie über sexuellen Missbrauch und dass „Darstellungen des sexuellen Missbrauchs von Kindern“ rechtswidrig sind. Darüber hinaus verweist Google auf Meldestellen und Hilfsangebote für a) potentielle Täter, b) Kinder und Jugendliche, aber auch c) Erwachsene.

Ein Schelm wer böses dabei denkt, dass sich bei diesen Hilfsangeboten nur solche finden, die vom Bundesfamilienministerium gefördert werden. Andere wichtige, etablierte Anlaufstellen – die unter schwierigsten Umständen seit vielen Jahren gute Hilfe leisten – fehlen. Selbst das „Hilfeportal Sexueller Missbrauch“ oder das bundesweite „Hilfetelefon sexueller Missbrauch“ des „Unabhängigen Beauftragten für Fragen sexuellen Kindesmissbrauchs“, Johannes W. Rörig, werden unterschlagen.

Dabei verbirgt sich gerade hinter dem „Hilfeportal Sexueller Missbrauch“ die breite Expertise der verschiedenen Hilfsangebote, die Deutschland zu bieten hat. Eine solche Vielfalt ist wichtig, denn nicht jedes Angebot passt für jeden Hilfesuchenden – insbesondere die für potentielle Täter oder Täterinnen. Wir wissen, die Mehrheit der Täter ist nicht pädophil*. Dennoch leitet der Google Hinweis alle zu einem Therapieangebot für pädophile Männer. Ist das richtig?

Das Netzwerk ist leider nicht das breite Bündnis, das die Ministerin propagiert. Und es ist vor allem nicht das breite Bündnis, das es sein sollte! Im Gegenteil sorgt genau dieses Netzwerk des BMFSFJ dafür, dass 95% der Hilfsangebote für Kinder, Jugendliche, Eltern oder potentielle Täter bzw. Täterinnen bei der Google Warnung unterschlagen werden. Dient das wirklich dem Kinderschutz?

Dieses Netzwerk muss dringend erweitert werden!

* vgl. Beier K. M., Neutze J. (2009), Das neue „Präventionsprojekt Kinderpornografie“ (PPK): Erweiterung des Berliner Ansatzes zur therapeutischen Primärprävention von sexuellem Kindesmissbrauch im Dunkelfeld. Sexuologie 16 (4), S. 67.

Der Themenabend zu sexuellem Missbrauch in der ARD hat viel ausgelöst

Hier einige Stimmen:

Missbrauch an der Odenwaldschule durch gefeierte Reformpädagogen. Ist es zulässig, dazu einen Spielfilm zu machen? fragt faz.net

Reaktionen einiger Betroffener der Odenwaldschule auf den Film „Die Auserwählten.“ Ebenfalls in faz.net

Hat der anschließende Talk bei „Anne Will“ das Thema verfehlt? NOZ

Die Odenwaldschule beklagt, dass keiner ihrer Vertreter zu „Anne Will“ eingeladen war. faz.net

Der Themenabend in der ARD sorgt für Wirbel – auch online. „Die Auserwählten“ musste dabei auch Kritik einstecken konstatiert der stern

Sexueller Missbrauch als Thema bei „Anne Will“.  War die Runde wirklich so hoffnungslos, wie der Artikel beschreibt? Welt

Meine Meinung: Bei „Anne Will“ war es Adrian Koerfer von Glasbrechen e.V. zu verdanken, dass Themen wie Missbrauch in Institutionen außerhalb der OSO oder der katholischen Kirche, Missbrauch an Mädchen und Missbrauch durch Frauen überhaupt angesprochen wurden.

Hoffen wir also, dass die vielen Reaktionen den Kampf gegen sexuellen Missbrauch wirklich befördern!!

Eine vertane Chance

„Die Auserwählten“ soll aufrütteln. Der Regisseur Christoph Röhl will erklären, wie sehr Opfer sexuellen Missbrauchs auch unter dem Wegschauen der Mitläufer leiden. Dazu hat er sich einen der prominentesten Orte organisierten Missbrauchs ausgesucht, den Deutschland zu bieten hat. Die Odenwaldschule.

„… und wir sind nicht die Einzigen“

Christoph Röhl hat 2011 schon einmal einen Film über die Odenwaldschule gemacht: „… und wir sind nicht die Einzigen.“ Für diese beeindruckende Dokumentation gaben ihm beeindruckende Menschen Zeugnis ihres Leids. Sie öffneten sich, erzählten ihre Geschichten – für die Kamera, die Öffentlichkeit. Er, der Regisseur, eröffnete den Betroffenen einen Kanal. Und sie nutzten die Chance.

Fiktion kopiert Geschichte

Diese Erlebnisse wollte Röhl für seinen Spielfilm fiktionalisieren und dennoch hat er an wesentlichen Stellen Figuren und Orte kopiert. Das beginnt mit dem Drehort – der Odenwaldschule. Es geht weiter mit dem damals missbrauchenden Schulleiter und der aufrüttelnden Schulleiterin von 2010. Und endet bei einem der vielen, vielen Opfer. Christoph Röhl wählt aus, welches Gesicht wir uns vorstellen werden, wenn wir über Missbrauch an der OSO nachdenken.

Doch genau da, an diesem heiklen, wunden Punkt begeht Röhl einen schwerwiegenden Fehler. Denn er entscheidet sich ganz zweifellos für das Gesicht eines der vielen tatsächlichen Opfer: Andreas Huckele. Dieser Mann klagte 1999 den Missbrauch in einem Brief an die Odenwaldschule an. Der Brief endete mit den Worten „und wir sind nicht die Einzigen“ und wurde doch nicht gehört – bis 2010 und bis Christoph Röhl seinen Film danach benannte.

Andreas Huckele hat nicht aufgegeben. Er hat seine Geschichte aufgeschrieben und damit die Kontrolle über seine Vergangenheit gewonnen. Er ist ein Mann an dem sich viele reiben, weil er unbequem ist. Analytisch und sehr klar in seinem Auftreten vertritt er seine Position und verteidigt, da wo es sein muss.

Sexueller Missbrauch verändert das Leben eines Kindes – unwiederbringlich

Die Figur des Kindes Frank Hoffmann ähnelt dem Kind Andreas Huckele äußerlich so frappierend, dass man schockiert erstarrt. Warum musste das sein? Die Art, wie Gerold Becker die Jungs an der Odenwaldschule missbrauchte ähnelt sich – natürlich. Denn der Täter (oder die Täterin) wählt das Opfer als Objekt der Befriedigung. Es geht ihm dabei ausschließlich um sich selbst. Die Person des Opfers spielt nicht wirklich eine Rolle. Das bedeutet, diese Geschichten – und das ist eine der größten schmerzlichen Erkenntnisse für viele Betroffene – sind für den Täter nichts Besonderes.

Sehr wohl aber für die betroffenen Opfer. Jeder Missbrauch verändert ihr Leben unwiederbringlich. Nichts wird je so sein, wie es hätte werden können. Jeder und jede entwickelt eigene Mechanismen zum Überleben. Für jeden und jede bedeutet das einen ganz persönlichen Kampf. Und viele kämpfen auch in der Gesellschaft gegen sexuellen Missbrauch, egal wo er geschieht.

Der Regisseur wählt aus

Durch die erkennbare Personifizierung hebt Christoph Röhl einen von ihnen nun besonders hervor – im Namen des Filmemachens, im Namen der Aufklärung, aber eben nicht im Namen der Betroffenen. Leider. Denn seine Auswahl führt dazu, dass Spaltung und Verletzung fortgesetzt werden. Die Betroffenen sind zerstritten und gelten – mal wieder – als schwierig. Natürlich erkennen sie sich alle wieder in den Geschichten. Dieser Film konfrontiert alle mit ihrem Schicksal und sie alle haben ein Recht darauf gesehen, anerkannt zu werden – ohne Konkurrenz. Sie meistern ihr Schicksal und viele von ihnen bestechen immer wieder durch ihren großen Mut, zu reden!

Mit seinem Vorgehen hat Christoph Röhl – der ihnen schon so viel zu verdanken hat – den Betroffenen der Odenwaldschule leider einen Bärendienst erwiesen. Das ist schade. Denn es ist eine vertane Chance für Aufklärung. Ist Andreas Huckele, der für seine empfundenen verletzten Persönlichkeitsrechte eintritt und sich nicht einfach so instrumentalisieren lassen will, nun der große Spielverderber? Muss er um des großen Bildes willen, den Mund halten? Sind die, die ihm das übel nehmen, weil sie an die große Wirkung des Films glauben, illoyal? Müssen alle Betroffenen immer einer Meinung sein?

All das hätte leicht vermieden werden können, wenn Christoph Röhl sein Versprechen der Fiktionalisierung wirklich gehalten hätte. Denn egal wie die Auseinandersetzung um die Ausstrahlung am Mittwoch nun ausgeht, es wird ein Schaden entstehen. Wird der Film ausgestrahlt, so geht er auf Kosten der Integrität und Achtsamkeit. Wird er nicht ausgestrahlt, so verliert sich die Möglichkeit das breite Publikum zumindest ein Stückchen aufzuklären.

Erinnern wird man sich, egal wie, wohl an den Streit der Betroffenen. Und das haben sie nicht verdient.

„Facebook ist ein Eldorado für Pädokriminelle“

„Facebook ist ein Eldorado für Pädokriminelle“

Der Fall Sebastian Edathy hat die Debatte um Kinderpornografie neu entfacht. Im Interview mit der Berliner Morgenpost fordert die Geschäftsführerin von Innocence in Danger verschärfte Gesetze.

Von Diana Zinkler

Was ist Pornografie, was nicht? Die Nacktbilder jedenfalls, die der zurückgetretene NSU-Ausschussvorsitzende Sebastian Edathy (SPD) vom kanadischen Anbieter „Azov Films“ gekauft hat, gelten im juristischen Sinne nicht als pornografisch und der Kauf als legal. Doch Julia von Weiler, Geschäftsführerin von „Innocence in Danger“, einem internationalen Verein, der sich gegen sexuellen Missbrauch und pornografische Ausbeutung an Kindern im Internet einsetzt, sieht eine Gesetzeslücke. Sie sagt, sexuelle Ausbeutung von Kindern beginnt im Auge des Betrachters und fordert ein Gesetz, das generell den Handel und Tausch mit Nacktbildern von Kindern und Jugendlichen verbietet. Julia von Weiler war auch an der Initiative zur Zugangserschwernis für kinderpornografische Webseiten beteiligt, der 2009 ein entsprechendes Gesetz folgte.

Berliner Morgenpost: Was dachten Sie, als Sie hörten, dass ein Bundestagsabgeordneter Nacktbilder von Kindern bestellt hat?

Julia von Weiler: Ich war nicht überrascht. Das Interesse an kinderpornografischem Material, also Missbrauchsabbildungen, geht durch alle sozialen Schichten. Die Strafverfolgungsbehörden in Australien beschreiben den typischen Kinderpornografie-Konsumenten als leicht über Durchschnitt intelligent, mit einem akademischen Abschluss, in einer Beziehung lebend, nicht vorbestraft und Arbeit habend.

In den ersten Tagen konzentrierten sich die Beteiligten vor allem auf die politische Kungelei, um das Wer-hat-was-zu-wem-gesagt. Wie fanden Sie das?

Die einseitige Debatte um die strafrechtliche Relevanz war unsäglich. Aus der Sicht von Herrn Edathy hätte ich das auch thematisiert, aber aus der Sicht von Kindern und deren Würde war das absolut daneben.

…. Berliner Morgenpost, 22.02.2014

Wer hilft Betroffenen von damals? Und wer den Kindern und Jugendlichen heute?

The Daily Abuse

2010 begann die Lawine der Fälle sexuellen Missbrauchs in Institutionen. Opfer berichteten Fälle der vergangenen Jahrzehnte und ließen sich nicht mehr zum Schweigen bringen.

Dachte man.

Wer übernimmt endlich die Verantwortung?

Die aktuelle Debatte um pädokriminelle Strömungen, die unter anderem Einfluss fanden bei den Grünen, den Jungen Liberalen, dem Kinderschutzbund und selbst in vom Berliner Senat finanzierten sozialpädagogischen Projekten, zeigt jedoch vor allem eines: Nur wenige übernehmen Verantwortung und treten tatsächlich für Betroffene ein.

Stattdessen hören wir dieser Tage viele Schuldzuweisungen und sehen viele mit dem Finger der Verantwortung auf andere zeigen. Wir hören keine leisen Töne und wir hören vor allem niemanden, der sagt jetzt packen wir es wirklich an.

Nicht die noch regierende Parteien, nicht die an die Macht strebenden Parteien, noch nicht einmal den unabhängigen Beauftragten zu Fragen sexuellen Kindesmissbrauchs.

Missbrauch ist immer hochaktuell

Im Jahr 2012 wurden 12.623 Fälle sexuellen Missbrauchs zur Anzeige gebracht.

Hinter dieser Zahl verbergen sich 14.865 missbrauchte Mädchen und Jungen.

Nehmen wir an, diese Mädchen und Jungen werden 20mal missbraucht, bevor sie Hilfe finden.

Dann sprechen wir über mindestens 297.300 Missbrauchshandlungen im Jahr: 297.300mal Angst, Schmerz, Ohnmacht, Ekel, Scham, sich der Übermacht des Täters oder der Täterin ausgeliefert fühlen.

Das sind mindestens 24.775 Missbrauchshandlungen pro Monat. Oder 814 Missbrauchshandlungen am Tag. Oder 34 in der Stunde.

Das bedeutet: alle 34 Sekunden beginnt ein Missbrauch in Deutschland – und das sind nur die angezeigten Fälle.

Führen wir uns jetzt vor Augen, dass laut einer Studie des kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsens nur jeder 5. Missbrauch angezeigt wird. Das heißt, wir sprechen von 63.115 Fällen sexuellen Missbrauchs alleine im vergangenen Jahr. Wie viele Handlungen mögen das sein?

Also welche Signale senden wir?

Welches Signal senden wir denen, die Missbrauch überstanden? Dürfen sie tatsächlich  darüber sprechen? Oder müssen sie nicht doch lieber weiter schweigen, weil sie immer noch auf Ausgrenzung und Unverständnis stoßen.

Welches Signal senden wir den Mädchen und Jungen, die heute missbraucht werden? Sind wir bereit ihnen zu helfen? Wirklich zuzuhören? Ihnen Sicherheit zu geben und nicht wie auch jetzt die Verantwortung abzuwälzen.

Zum Weltkindertag, zwei Tage vor der Bundestagswahl 2013 ist ein guter Zeitpunkt für alle Parteien und die Gesellschaft sich ihrer Verantwortung zu stellen: Sexuellen Missbrauch zu bekämpfen, Opferversorgung zu gewährleisten und funktionierende Prävention voranzuteiben.