Die Sache mit der Scham

„Ich versteh das nicht. Alle haben gewusst, was für ein Schwein das ist. Warum hat denn niemand was gesagt? Die hätten sich doch wehren müssen, das ist doch nicht so schwer.“

Der Missbrauch von Macht funktioniert eigentlich immer gleich. Eine mächtige Person übt Druck – psychisch, körperlich und oder existentiell – gegen eine schwächere Person aus, um sich überlegen zu fühlen.

Nun könnte man lange darüber sinnieren, warum die ‚arme’ mächtige Person das nur so nötig hat. Nicht so gerne denkt man aber darüber nach, wie es der schwächeren Person wohl so geht. Wahrscheinlich, weil man sich ein bisschen davor fürchtet, selber mal diese schwache Person zu sein. Und überhaupt nicht will man darüber nachdenken, warum die meisten derer, die Zeugen eines solchen Macht-Missbrauchs sind, nichts sagen.

Warum? Weil wir alle – jeder und jede Einzelne von uns – in irgendeiner Form schon einmal Zeugin oder Zeuge wurden und… – genau, nichts oder quasi nichts getan haben.

Das geht mich nichts an

„Das geht mich nichts an“. „Ich mische mich lieber nicht ein“. „Wenn ich was sage, bin ich als nächste dran.“ „Die anderen sagen ja auch nichts!“ „Für die gute Sache (den Film, die Firma, die Ideologie) muss man eben auch Opfer bringen…“ So reden wir uns raus. Vor uns selber, vor anderen, vor der Gesellschaft.

Besonders leicht fällt das Herausreden dann, wenn der Macht-Missbrauchende das Mittel sexueller Handlungen benutzt, um andere zu demütigen. Spätestens dann haben wir den ultimativen Grund gefunden, nichts zu sagen. Anstatt den Missbrauch der Sexualität als Machtausübung zu begreifen, verharren wir bei der sexuellen Handlung. Wir machen es damit zu einer intimen Angelegenheit, in die wir uns nicht einmischen sollten. Darin liegt die Crux für Betroffene sexualisierter Gewalt – egal welchen Alters.

Dreist gewinnt

Es fällt uns schwer zu glauben, dass ein Mensch den wir kennen, mit dem wir arbeiten oder zusammenleben, sexuelle Handlungen so gewaltvoll und demütigend einsetzt, also sexuelle Gewalt verübt. Wir, schauen eher weg als hin, beruhigen uns innerlich und fragen nicht nach. Schlimmerweise geschieht das selbst dann, wenn es um uns anvertraute Kinder geht. Das hat das Canisisus-Kolleg und die Odenwaldschule  bewiesen – genau wie jetzt der Fall im Breisgau, bei dem ein Täter gemeinsam mit einer Täterin – der Mutter – unvorstellbar grauenvolle Taten an einem Kind beging. Und das obwohl längst alle Behörden auf die Familie ein Auge geworfen hatten.

Eine solche Dreistigkeit gewinnt – so scheint es – immer. Man hat den Eindruck: Je offensichtlicher, je schamloser, je brutaler Täter und Täterinnen vorgehen, desto länger bleiben sie unbehelligt.

Über 160 Frauen haben gegen den Mannschaftsarzt des US-Turnverbandes Larry Nasser ausgesagt, der für den sexuellen Missbrauch an 265 Mädchen und Frauen verurteilt wurde. Dutzende haben ihre Stimme gegen Harvey Weinstein erhoben, und jetzt klagen immer mehr betroffene Frauen Dieter Wedel öffentlich an.

Mädchen und Jungen, junge Männer und Frauen werden täglich Opfer von Macht-Missbrauch, auch sexualisiertem Macht-Missbrauch. Die Täter – und Täterinnen – machen genau das, was sie wollen. Während wir…
noch überlegen, ob wir uns das vorstellen können …
damit ringen, vielleicht etwas was sagen zu müssen …
grübeln, ob wir mit den Konsequenzen leben können, wenn wir etwas sagen.

Lieber nichts sagen

Also vielleicht lieber nichts sagen. Schweigen. Dieses schamvolle Schweigen des Umfelds verstärkt die Macht der Täter und Täterinnen und schwächt die Betroffenen. Kommt ein Macht-Missbrauch endlich ans Tageslicht, erfahren Betroffene häufig keine Solidarität, sondern eine Mischung aus Mitleid und Ablehnung.

Warum? Weil wir – die wir mitgewusst und weggeschaut haben – uns schämen. Vor den Betroffenen und vor uns selber.

Also müssen wir das Mitwissen und Schweigen schönreden. Scham ist ein unangenehmes Gefühl, das wir gerne loswerden wollen. Diese Scham minimieren wir, indem wir doch irgendwie finden, dass Betroffene selber schuld sind: „die wollte doch Karriere machen,“ „der hätte doch auch mal was sagen können,“ „die sind doch auch immer wieder zurückgegangen,“ „der hat doch sogar „Papa“ zu dem gesagt! Solche Konstruktionen basteln wir uns. Und wir werden die Scham los, indem wir uns immer wieder vergewissern, dass es richtig war sich nicht einzumischen: ‚wo kämen wir denn da hin, wenn ich da jedes Mal was sagte.’…

Scham, die zersetzt

Diese Form der Scham ist zersetzend. Sie zerstört Mitgefühl und Unterstützung. Sie isoliert die Betroffenen und verstärkt erneut die Macht der Täter oder Täterinnen. Sich wirklich damit auseinanderzusetzen, bedeutet sich schmerzlich einzugestehen, dass ich geschwiegen habe, weil ich Angst hatte oder zu bequem war, weil ich neidisch auf die Aufmerksamkeit war oder schlicht doch nicht dieser couragierte Mensch, der ich immer sein wollte. Eine solche Auseinandersetzung bedeutet sich den Spiegel vorzuhalten und wirklich hinzuschauen. Sich selber und seine Schwäche zu erkennen und damit umzugehen.

Courage, die es braucht

Tun wir das nicht, verändert sich genau nichts. Hinzusehen, aufzustehen und zu sprechen bedarf Courage. Jedes einzelne Mal.

Besonders schwer ist es dann, wenn wir Macht-Missbrauch bei Menschen beobachten, die wir lieben und kennen, die wir bewundern oder gar idealisieren. Wenn Bewegungen unterwandert werden und Institutionen infiltriert. Wir alle kennen Täter und Täterinnen. Wir alle kennen Menschen, die ihre Macht missbrauchen, um andere zu demütigen. In der Schule, im Sportverein, in der Nachbarschaft. Im Büro, auf dem Filmset, am Theater, im Radio, im Kinderschutzverein genauso wie im Vogelzüchterverein.

Das politische Geschäft – auch in Deutschland – zeigt, wie das mit der Demontage und Demütigung funktioniert. Wer nach oben will, muss hart sein und zubeißen können. Wer das nicht kann, gilt als schwach. Wer sich dieser Dynamik in den Weg stellt, läuft Gefahr unterzugehen und zurückgelassen zu werden. Also lieber nichts sagen und mitlaufen. Wenn es ganz schlimm wird, kann ich ja immer noch die Bremse ziehen. Aber, was ist ganz schlimm? Wie ziehe ich Grenzen, wenn ich gleichzeitig damit beschäftigt bin, sie zu verschieben und mich dafür zu schämen, meine Prinzipien und Integrität zu verraten?

Sehen, was ist

Wir müssen der Scham ins Gesicht sehen. Sie anerkennen und ehrlich zu uns sein. Wir brauchen Anlaufstellen, an die sich Betroffene von (sexualisiertem) Macht-Missbrauch wenden können. Wir brauchen eine offene Diskussion darüber, wo Macht-Missbrauch täglich stattfindet und warum wir bisher nichts dagegen getan haben. Denn wir wussten immer schon, dass die Betroffenen leiden. Das ist keine neue Erkenntnis, sondern uraltes Wissen. Jetzt ist es an der Zeit, diese Erkenntnis zu Selbst-Erkenntnis werden zu lassen. Die Courage zu suchen, die es braucht eine solche Dynamik zu verändern.

Es ist Zeit die Scheinwerfer auf diesen Macht-Missbrauch zu werfen. Sich dabei nicht in polemischen Debatten zu verlieren, sondern wirklich hinzusehen und zu handeln. Es ist Zeit, die Courage all derer die sich seit Jahrzehnten öffentlich äußern zu feiern und sich von ihr anstecken zu lassen. Es ist Zeit, die Scham abzulegen und empathisch zu sein.

 

Julia von Weiler über digitalen Exhibitionismus und Kinderschutz

„Mädchen erleben täglich Pornos im Netz“

Über digitalen Kinderschutz sprach Julia von Weiler beim 9. Security-Forum von Professor Friedrich Holl an der Fachhochschule Brandenburg. Am Rande stand die Vorsitzende des Vereins „Innocence in Danger“ der MAZ zu einem Interview zur Verfügung.

Ein Experiment: Erste Buchlesung auf Chatroulette

JvWeiler_Lesung_Chatroulette

Vorsicht! Trigger Gefahr!

Die Lesung der Neuauflage des Aufklärungsbuches „Im Netz. Kinder vor sexueller Gewalt schützen“ auf Chatroulette fand am Nachmittag des 07.11.2014 statt und dauerte 60 Minuten. Alle zu sehenden Aufnahmen entstanden während dieser Zeit. Das Material musste zensiert werden.

Zu sehen ist das Experiment hier auf YouTube.

Informationen zum Buch finden Sie hier.

Netzwerk für Kinderschutz gegen Missbrauch: 95% der Hilfsangebote fehlen.

„Keine Grauzonen im Internet“

Ein Netzwerk unter der Schirmherrschaft von Familienministerin Schwesig kämpft gegen die Verbreitung so genannter Posen-Darstellungen, also geschlechtsbetonter Nacktaufnahmen von Kindern. Es ist ein wirklich wichtiges Signal: Die Würde von Kindern ist unantastbar auch im Zeitalter des digitalen Exhibitionismus.

Ministerin Schwesig und das Bundesfamilienministerium, jugendschutz.net, das Zentrum für Kinderschutz im Internet (I-KiZ), die Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter (fsm) und Goolge bilden dieses „Netzwerk gegen Missbrauch und sexuelle Ausbeutung von Kindern.“

Achtung

Bei einschlägigen Suchanfragen nach nackten Kindekörpern platziert Google eine Warn-Anzeige. Folgen Nutzer diesem Link, lesen sie über sexuellen Missbrauch und dass „Darstellungen des sexuellen Missbrauchs von Kindern“ rechtswidrig sind. Darüber hinaus verweist Google auf Meldestellen und Hilfsangebote für a) potentielle Täter, b) Kinder und Jugendliche, aber auch c) Erwachsene.

Ein Schelm wer böses dabei denkt, dass sich bei diesen Hilfsangeboten nur solche finden, die vom Bundesfamilienministerium gefördert werden. Andere wichtige, etablierte Anlaufstellen – die unter schwierigsten Umständen seit vielen Jahren gute Hilfe leisten – fehlen. Selbst das „Hilfeportal Sexueller Missbrauch“ oder das bundesweite „Hilfetelefon sexueller Missbrauch“ des „Unabhängigen Beauftragten für Fragen sexuellen Kindesmissbrauchs“, Johannes W. Rörig, werden unterschlagen.

Dabei verbirgt sich gerade hinter dem „Hilfeportal Sexueller Missbrauch“ die breite Expertise der verschiedenen Hilfsangebote, die Deutschland zu bieten hat. Eine solche Vielfalt ist wichtig, denn nicht jedes Angebot passt für jeden Hilfesuchenden – insbesondere die für potentielle Täter oder Täterinnen. Wir wissen, die Mehrheit der Täter ist nicht pädophil*. Dennoch leitet der Google Hinweis alle zu einem Therapieangebot für pädophile Männer. Ist das richtig?

Das Netzwerk ist leider nicht das breite Bündnis, das die Ministerin propagiert. Und es ist vor allem nicht das breite Bündnis, das es sein sollte! Im Gegenteil sorgt genau dieses Netzwerk des BMFSFJ dafür, dass 95% der Hilfsangebote für Kinder, Jugendliche, Eltern oder potentielle Täter bzw. Täterinnen bei der Google Warnung unterschlagen werden. Dient das wirklich dem Kinderschutz?

Dieses Netzwerk muss dringend erweitert werden!

* vgl. Beier K. M., Neutze J. (2009), Das neue „Präventionsprojekt Kinderpornografie“ (PPK): Erweiterung des Berliner Ansatzes zur therapeutischen Primärprävention von sexuellem Kindesmissbrauch im Dunkelfeld. Sexuologie 16 (4), S. 67.

Der Themenabend zu sexuellem Missbrauch in der ARD hat viel ausgelöst

Hier einige Stimmen:

Missbrauch an der Odenwaldschule durch gefeierte Reformpädagogen. Ist es zulässig, dazu einen Spielfilm zu machen? fragt faz.net

Reaktionen einiger Betroffener der Odenwaldschule auf den Film „Die Auserwählten.“ Ebenfalls in faz.net

Hat der anschließende Talk bei „Anne Will“ das Thema verfehlt? NOZ

Die Odenwaldschule beklagt, dass keiner ihrer Vertreter zu „Anne Will“ eingeladen war. faz.net

Der Themenabend in der ARD sorgt für Wirbel – auch online. „Die Auserwählten“ musste dabei auch Kritik einstecken konstatiert der stern

Sexueller Missbrauch als Thema bei „Anne Will“.  War die Runde wirklich so hoffnungslos, wie der Artikel beschreibt? Welt

Meine Meinung: Bei „Anne Will“ war es Adrian Koerfer von Glasbrechen e.V. zu verdanken, dass Themen wie Missbrauch in Institutionen außerhalb der OSO oder der katholischen Kirche, Missbrauch an Mädchen und Missbrauch durch Frauen überhaupt angesprochen wurden.

Hoffen wir also, dass die vielen Reaktionen den Kampf gegen sexuellen Missbrauch wirklich befördern!!

Eine vertane Chance

„Die Auserwählten“ soll aufrütteln. Der Regisseur Christoph Röhl will erklären, wie sehr Opfer sexuellen Missbrauchs auch unter dem Wegschauen der Mitläufer leiden. Dazu hat er sich einen der prominentesten Orte organisierten Missbrauchs ausgesucht, den Deutschland zu bieten hat. Die Odenwaldschule.

„… und wir sind nicht die Einzigen“

Christoph Röhl hat 2011 schon einmal einen Film über die Odenwaldschule gemacht: „… und wir sind nicht die Einzigen.“ Für diese beeindruckende Dokumentation gaben ihm beeindruckende Menschen Zeugnis ihres Leids. Sie öffneten sich, erzählten ihre Geschichten – für die Kamera, die Öffentlichkeit. Er, der Regisseur, eröffnete den Betroffenen einen Kanal. Und sie nutzten die Chance.

Fiktion kopiert Geschichte

Diese Erlebnisse wollte Röhl für seinen Spielfilm fiktionalisieren und dennoch hat er an wesentlichen Stellen Figuren und Orte kopiert. Das beginnt mit dem Drehort – der Odenwaldschule. Es geht weiter mit dem damals missbrauchenden Schulleiter und der aufrüttelnden Schulleiterin von 2010. Und endet bei einem der vielen, vielen Opfer. Christoph Röhl wählt aus, welches Gesicht wir uns vorstellen werden, wenn wir über Missbrauch an der OSO nachdenken.

Doch genau da, an diesem heiklen, wunden Punkt begeht Röhl einen schwerwiegenden Fehler. Denn er entscheidet sich ganz zweifellos für das Gesicht eines der vielen tatsächlichen Opfer: Andreas Huckele. Dieser Mann klagte 1999 den Missbrauch in einem Brief an die Odenwaldschule an. Der Brief endete mit den Worten „und wir sind nicht die Einzigen“ und wurde doch nicht gehört – bis 2010 und bis Christoph Röhl seinen Film danach benannte.

Andreas Huckele hat nicht aufgegeben. Er hat seine Geschichte aufgeschrieben und damit die Kontrolle über seine Vergangenheit gewonnen. Er ist ein Mann an dem sich viele reiben, weil er unbequem ist. Analytisch und sehr klar in seinem Auftreten vertritt er seine Position und verteidigt, da wo es sein muss.

Sexueller Missbrauch verändert das Leben eines Kindes – unwiederbringlich

Die Figur des Kindes Frank Hoffmann ähnelt dem Kind Andreas Huckele äußerlich so frappierend, dass man schockiert erstarrt. Warum musste das sein? Die Art, wie Gerold Becker die Jungs an der Odenwaldschule missbrauchte ähnelt sich – natürlich. Denn der Täter (oder die Täterin) wählt das Opfer als Objekt der Befriedigung. Es geht ihm dabei ausschließlich um sich selbst. Die Person des Opfers spielt nicht wirklich eine Rolle. Das bedeutet, diese Geschichten – und das ist eine der größten schmerzlichen Erkenntnisse für viele Betroffene – sind für den Täter nichts Besonderes.

Sehr wohl aber für die betroffenen Opfer. Jeder Missbrauch verändert ihr Leben unwiederbringlich. Nichts wird je so sein, wie es hätte werden können. Jeder und jede entwickelt eigene Mechanismen zum Überleben. Für jeden und jede bedeutet das einen ganz persönlichen Kampf. Und viele kämpfen auch in der Gesellschaft gegen sexuellen Missbrauch, egal wo er geschieht.

Der Regisseur wählt aus

Durch die erkennbare Personifizierung hebt Christoph Röhl einen von ihnen nun besonders hervor – im Namen des Filmemachens, im Namen der Aufklärung, aber eben nicht im Namen der Betroffenen. Leider. Denn seine Auswahl führt dazu, dass Spaltung und Verletzung fortgesetzt werden. Die Betroffenen sind zerstritten und gelten – mal wieder – als schwierig. Natürlich erkennen sie sich alle wieder in den Geschichten. Dieser Film konfrontiert alle mit ihrem Schicksal und sie alle haben ein Recht darauf gesehen, anerkannt zu werden – ohne Konkurrenz. Sie meistern ihr Schicksal und viele von ihnen bestechen immer wieder durch ihren großen Mut, zu reden!

Mit seinem Vorgehen hat Christoph Röhl – der ihnen schon so viel zu verdanken hat – den Betroffenen der Odenwaldschule leider einen Bärendienst erwiesen. Das ist schade. Denn es ist eine vertane Chance für Aufklärung. Ist Andreas Huckele, der für seine empfundenen verletzten Persönlichkeitsrechte eintritt und sich nicht einfach so instrumentalisieren lassen will, nun der große Spielverderber? Muss er um des großen Bildes willen, den Mund halten? Sind die, die ihm das übel nehmen, weil sie an die große Wirkung des Films glauben, illoyal? Müssen alle Betroffenen immer einer Meinung sein?

All das hätte leicht vermieden werden können, wenn Christoph Röhl sein Versprechen der Fiktionalisierung wirklich gehalten hätte. Denn egal wie die Auseinandersetzung um die Ausstrahlung am Mittwoch nun ausgeht, es wird ein Schaden entstehen. Wird der Film ausgestrahlt, so geht er auf Kosten der Integrität und Achtsamkeit. Wird er nicht ausgestrahlt, so verliert sich die Möglichkeit das breite Publikum zumindest ein Stückchen aufzuklären.

Erinnern wird man sich, egal wie, wohl an den Streit der Betroffenen. Und das haben sie nicht verdient.

Sexting: Die nackte Wahrheit, die Eltern wissen müssen!

Was ist Sexting?

Haben Sie schon einmal von Sexting gehört? Die meisten Erwachsenen, aber auch viele Kinder und Jugendliche schauen ziemlich ratlos, wenn man sie danach fragt.
Das Wort setzt sich aus den Wörtern „sex” und „texting” (englisch für „simsen”) zusammen und bezeichnet das digitale Verschicken von sexuellen Inhalten wie Texte, Bilder aber auch Filme. Mittlerweile ist Sexting unter Jugendlichen sowie unter Erwachsenen sehr verbreitet.

Sexting ist aufregend und cool

Gerade in der Pubertät, in der sich Jugendliche mit den Fragen beschäftigen „Wie attraktiv bin ich?”, „Wie komme ich an?”, „Was sagen andere zu mir?”, „Und wie fühle ich mich dabei?” sehen sie im Sexting eine mögliche Art, sich auszuprobieren und viel über sich selbst und andere zu lernen. Allerdings gehört eine Portion Mut dazu und natürlich ein großes Vertrauen in den Empfänger oder die Empfängerin der Nachricht. Für Jugendliche ist Sexting aufregend, cool und erscheint im ersten Moment als sicher: Man ist in einem geschützten Raum – bei sich zu Hause oder bei Freunden – macht nur ein Foto oder ein Filmchen und schickt es dann an seinen Schwarm. Da ist doch nichts dabei, oder?

Sexting ist ein großes Risiko

Es stimmt! Erst einmal ist nichts dabei, einer Freundin oder einem Freund ein sexy Bild zu schicken. Und doch geht jeder, der eine digitale Nachricht mit sexuellem Inhalt verschickt, ein sehr großes Risiko ein. Wenn ein Foto oder ein Film erst einmal per WhatsApp, Skype, Facebook o. ä. versandt wurde, verliert der Sender jegliche Kontrolle. Denn jeder, der diesen Inhalt in die Hände bekommt, kann ihn kopieren, verändern und verbreiten. Wirklich jeder!
Das kann der Freund oder die Freundin sein, die einen schlechten Tag hat und das Foto einfach weiterverschickt oder jemand, der eifersüchtig ist, und sich nur mal einen kleinen Spaß erlauben will.

Wenn aus „Spaß“ Cybermobbing wird

weiter geht’s:  Magazin Sofatutor

Digitaler Kinderschutz in Zeiten von Selfies, Sexting und Sextortion

Was muss ich tun, damit Ihr das Bild nicht meiner Familie zeigt?

Ein 17jähriger Schotte hatte zu große Angst vor der Bloßstellung durch einen Erpresserring. Er nahm sich das Leben. Durch Operation Strikeback verhaftete Interpol 58 Mitglieder eines „Internet Erpresserrings“, der seine Opfer – vornehmlich Männer und Jungs – mithilfe einer weiblich, sexy Fake-Identität verführt Nacktfotos oder Masturbationsvideos von sich zu versenden. Ist das Bild verschickt, schnappt die Falle zu. Das Opfer wird aufgefordert Geld zu zahlen, um eine. Veröffentlichung des Sexting Selfies zu verhindern. Zwischen 500 und 1.500 US Dollar zahlen die Opfer laut Interpol. Die Opfer stammten meistens aus aus Hongkong, Indonesien, Singapur, den Philippinen, USA und Großbritannien.

Wenn das Sexting Selfie zur Waffe gegen sich selbst wird

Amerikanische und englische Studien belegen, jedes 4. Mädchen hat schon einmal ein Sexting Selfie von sich verschickt oder gepostet. In Deutschland immerhin schon jedes 6. Mädchen und jeder 9. Junge sagt eine Studie aus Merseburg. Selfies und Sexting sind wichtig im Zeitalter des digitalen Exhibitionismus. Nur wer sich präsentiert und schön ist, ist ganz vorne mit dabei. 

Cybergrooming hin zum sexuellen Missbrauch

Sexting ist ein perfektes Mittel für Täter und Täterinnen auf der Suche nach Opfern. Hat ein Mädchen oder Junge erst einmal ein Nacktbild von sich verschickt, steigt der Druck – weitere Bilder von sich zu schicken, andere Mädchen oder Jungen vor die Kamera zu locken oder sich zu treffen. Noch nie war es so leicht wie heute Mädchen und Jungen zu treffen. Online in sozialen Netzwerken oder Spielen über Skype oder Messenger wie WhatsApp. Die Auswahl ist groß, das Risiko klein. Hunderte und gar 1000ende Mädchen oder Jungen werden so zu Opfern wie der Fall eines 20jährigen Täters aus Österreich beweist.

Der Sprung vom Polaroid- ins Digital-Zeitalter

Wir müssen Kinder gegen die vielfältigen Missbrauchsgefahren im Netz schützen. Das heißt wir müssen Anbieter gesetzlich verpflichten, Angebote für Kinder den Standards des Kinderschutzes zu unterwerfen. Dazu gehört zum Beispiel die Verpflichtung zu einer Altersverifikationen genauso wie alle interaktiven Onlineangebote für Kinder und Jugendliche (Chats, Onlinespiele, soziale Netzwerke) nur moderiert anzubieten.

 

„Facebook ist ein Eldorado für Pädokriminelle“

„Facebook ist ein Eldorado für Pädokriminelle“

Der Fall Sebastian Edathy hat die Debatte um Kinderpornografie neu entfacht. Im Interview mit der Berliner Morgenpost fordert die Geschäftsführerin von Innocence in Danger verschärfte Gesetze.

Von Diana Zinkler

Was ist Pornografie, was nicht? Die Nacktbilder jedenfalls, die der zurückgetretene NSU-Ausschussvorsitzende Sebastian Edathy (SPD) vom kanadischen Anbieter „Azov Films“ gekauft hat, gelten im juristischen Sinne nicht als pornografisch und der Kauf als legal. Doch Julia von Weiler, Geschäftsführerin von „Innocence in Danger“, einem internationalen Verein, der sich gegen sexuellen Missbrauch und pornografische Ausbeutung an Kindern im Internet einsetzt, sieht eine Gesetzeslücke. Sie sagt, sexuelle Ausbeutung von Kindern beginnt im Auge des Betrachters und fordert ein Gesetz, das generell den Handel und Tausch mit Nacktbildern von Kindern und Jugendlichen verbietet. Julia von Weiler war auch an der Initiative zur Zugangserschwernis für kinderpornografische Webseiten beteiligt, der 2009 ein entsprechendes Gesetz folgte.

Berliner Morgenpost: Was dachten Sie, als Sie hörten, dass ein Bundestagsabgeordneter Nacktbilder von Kindern bestellt hat?

Julia von Weiler: Ich war nicht überrascht. Das Interesse an kinderpornografischem Material, also Missbrauchsabbildungen, geht durch alle sozialen Schichten. Die Strafverfolgungsbehörden in Australien beschreiben den typischen Kinderpornografie-Konsumenten als leicht über Durchschnitt intelligent, mit einem akademischen Abschluss, in einer Beziehung lebend, nicht vorbestraft und Arbeit habend.

In den ersten Tagen konzentrierten sich die Beteiligten vor allem auf die politische Kungelei, um das Wer-hat-was-zu-wem-gesagt. Wie fanden Sie das?

Die einseitige Debatte um die strafrechtliche Relevanz war unsäglich. Aus der Sicht von Herrn Edathy hätte ich das auch thematisiert, aber aus der Sicht von Kindern und deren Würde war das absolut daneben.

…. Berliner Morgenpost, 22.02.2014