Von Tätern und ihrem Umfeld

Der Kampf gegen sexuellen Kindesmissbrauch ist weder „spießig“ noch „verklemmt“, werter Herr Augstein. Sexuelle Gewalt gegen Kinder war und ist auch nie das Ausleuchten eines Themas „in die hintersten Winkel“.

Unter viel Druck und 30 Jahre zu spät hat sich nun also Daniel Cohn-Bendit geäußert. Zu sich, seinen Äußerungen von sexuellem Kindesmissbrauch und der Zeit, in der er sie machte.

Doch sofort schließen sich die mühsam geöffneten Reihen wieder. Man nimmt den verdienten Staatsmann in Schutz. Wie kann es sein, so wird gefragt, dass ein Mann solchen Kalibers sich wegen eines so unangenehmen Themas rechtfertigen muss? Wegen Äußerungen, die aus Zeiten einer sexuellen Revolution stammen? Die von Cohn-Bendit doch selbst spätestens seit 2001 immer wieder als ‚unerträgliche Provokation’ bezeichnet wurden?

Sie wollen wissen: Reicht das nicht? Endlich?

Nein, Herr Augstein, es reicht nicht. Cohn-Bendit tut recht, wenn er endlich zugesteht, dass Äußerungen wie seine es sind, die sexuellem Missbrauch Vorschub leisten. Die als Rechtfertigung dienen, etwa für den Täter, der der misstrauisch gewordenen Mutter sagt, „sei doch nicht so spießig und verklemmt – ich bade doch nur mit unserem Kind.“ Oder der Täterin, die erklärt, sie wollte gemeinsam mit einem 12jährigen dessen sexuelle Welt ausloten, bis in die hintersten Winkel.

Wieder erleben Betroffene, dass es in den linken Reihen niemanden gibt, der sich schützend an ihre Seite stellt. So wie es der große Moralist Cohn-Bendit in der Diskussion um die Odenwaldschule nie getan hat. Wieder erleben die Betroffenen, dass es wichtigeres gibt als das Leid, das Missbrauch verursacht. In diesem Fall ist es die große politische Linie: Unser Dany, unsere Revolution darf nicht beschmutzt werden. So verstehe ich Sie. Ich kenne, als jemand, der seit vielen Jahren mit Opfern von sexueller Gewalt zu tun habe, diesen Ton nur zu gut, Herr Augstein. Er hört sich gerade so wie in einer Familie an, wo der Vater (und Täter) eben das Geld verdienen muss oder die Eltern sich schlicht nicht vorstellen wollen, dass der nette und einflussreiche Nachbar Kinder missbraucht hat. Ihre Kinder. Es fehlt der Mut, das Schweigen zu brechen.

Wo ist er hin, der Mut der Linken zur Aufklärung? Wo ist der Mut, den vor drei Jahren der Jesuit Pater Klaus Mertes bewies. Wo sind die aufrechten Aufklärer, die die Belange der Betroffenen vor die der Partei stellen? Wo sind die, die Verantwortung übernehmen? Ihr Mut ist der des politischen Kommissars, der die Reihen wieder schließt. Sie schreiben: „Ja, so ist das mit revolutionären Zeiten. Es geschehen da Dinge, die man in friedlicheren – oder verklemmteren? – Tagen ‚unverantwortlich‘ nennen würde.“

Das ist der falsche Ton. Dabei wissen sie selbst, worum es geht: „Es gibt eine kindliche Sexualität. Aber sie ist eine Sache der Kinder. Wo Erwachsene sich das zunutze machen, beginnt der Missbrauch.” Darum geht es. Missbrauch ist Gewalt von Stärkeren gegen Schwächere, und sei sie im Namen der sexuellen Befreiung. Dafür gibt es keine Ausreden und keine hintersten Winkel, weder damals noch heute. 12.444 polizeiliche Anzeigen sexuellen Missbrauchs gab es 2011, das sind 33 pro Tag. Und wir wissen, noch viel mehr Kinder erleiden Missbrauch, täglich, schweigend, auch weil draußen einer wie Sie ist, der überall vernehmbar ruft: Habt Euch mal nicht so! Es war doch nicht so gemeint! Es war doch Revolution!

Es gibt keine politische Hatz und keine Prüderie der repressiven 50er Jahre. Es gilt, Kinder zu schützen. Es gilt, Verantwortung zu übernehmen. Und nicht, das Thema politisch zu missbrauchen, wie Sie es tun – um Ihre alten Haudegen der 68er zu rechtfertigen.

Ein Kommentar zu “Von Tätern und ihrem Umfeld

  1. J. Siebner sagt:

    Danke! So ist es!

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