Die Sache mit der Scham

„Ich versteh das nicht. Alle haben gewusst, was für ein Schwein das ist. Warum hat denn niemand was gesagt? Die hätten sich doch wehren müssen, das ist doch nicht so schwer.“

Der Missbrauch von Macht funktioniert eigentlich immer gleich. Eine mächtige Person übt Druck – psychisch, körperlich und oder existentiell – gegen eine schwächere Person aus, um sich überlegen zu fühlen.

Nun könnte man lange darüber sinnieren, warum die ‚arme’ mächtige Person das nur so nötig hat. Nicht so gerne denkt man aber darüber nach, wie es der schwächeren Person wohl so geht. Wahrscheinlich, weil man sich ein bisschen davor fürchtet, selber mal diese schwache Person zu sein. Und überhaupt nicht will man darüber nachdenken, warum die meisten derer, die Zeugen eines solchen Macht-Missbrauchs sind, nichts sagen.

Warum? Weil wir alle – jeder und jede Einzelne von uns – in irgendeiner Form schon einmal Zeugin oder Zeuge wurden und… – genau, nichts oder quasi nichts getan haben.

Das geht mich nichts an

„Das geht mich nichts an“. „Ich mische mich lieber nicht ein“. „Wenn ich was sage, bin ich als nächste dran.“ „Die anderen sagen ja auch nichts!“ „Für die gute Sache (den Film, die Firma, die Ideologie) muss man eben auch Opfer bringen…“ So reden wir uns raus. Vor uns selber, vor anderen, vor der Gesellschaft.

Besonders leicht fällt das Herausreden dann, wenn der Macht-Missbrauchende das Mittel sexueller Handlungen benutzt, um andere zu demütigen. Spätestens dann haben wir den ultimativen Grund gefunden, nichts zu sagen. Anstatt den Missbrauch der Sexualität als Machtausübung zu begreifen, verharren wir bei der sexuellen Handlung. Wir machen es damit zu einer intimen Angelegenheit, in die wir uns nicht einmischen sollten. Darin liegt die Crux für Betroffene sexualisierter Gewalt – egal welchen Alters.

Dreist gewinnt

Es fällt uns schwer zu glauben, dass ein Mensch den wir kennen, mit dem wir arbeiten oder zusammenleben, sexuelle Handlungen so gewaltvoll und demütigend einsetzt, also sexuelle Gewalt verübt. Wir, schauen eher weg als hin, beruhigen uns innerlich und fragen nicht nach. Schlimmerweise geschieht das selbst dann, wenn es um uns anvertraute Kinder geht. Das hat das Canisisus-Kolleg und die Odenwaldschule  bewiesen – genau wie jetzt der Fall im Breisgau, bei dem ein Täter gemeinsam mit einer Täterin – der Mutter – unvorstellbar grauenvolle Taten an einem Kind beging. Und das obwohl längst alle Behörden auf die Familie ein Auge geworfen hatten.

Eine solche Dreistigkeit gewinnt – so scheint es – immer. Man hat den Eindruck: Je offensichtlicher, je schamloser, je brutaler Täter und Täterinnen vorgehen, desto länger bleiben sie unbehelligt.

Über 160 Frauen haben gegen den Mannschaftsarzt des US-Turnverbandes Larry Nasser ausgesagt, der für den sexuellen Missbrauch an 265 Mädchen und Frauen verurteilt wurde. Dutzende haben ihre Stimme gegen Harvey Weinstein erhoben, und jetzt klagen immer mehr betroffene Frauen Dieter Wedel öffentlich an.

Mädchen und Jungen, junge Männer und Frauen werden täglich Opfer von Macht-Missbrauch, auch sexualisiertem Macht-Missbrauch. Die Täter – und Täterinnen – machen genau das, was sie wollen. Während wir…
noch überlegen, ob wir uns das vorstellen können …
damit ringen, vielleicht etwas was sagen zu müssen …
grübeln, ob wir mit den Konsequenzen leben können, wenn wir etwas sagen.

Lieber nichts sagen

Also vielleicht lieber nichts sagen. Schweigen. Dieses schamvolle Schweigen des Umfelds verstärkt die Macht der Täter und Täterinnen und schwächt die Betroffenen. Kommt ein Macht-Missbrauch endlich ans Tageslicht, erfahren Betroffene häufig keine Solidarität, sondern eine Mischung aus Mitleid und Ablehnung.

Warum? Weil wir – die wir mitgewusst und weggeschaut haben – uns schämen. Vor den Betroffenen und vor uns selber.

Also müssen wir das Mitwissen und Schweigen schönreden. Scham ist ein unangenehmes Gefühl, das wir gerne loswerden wollen. Diese Scham minimieren wir, indem wir doch irgendwie finden, dass Betroffene selber schuld sind: „die wollte doch Karriere machen,“ „der hätte doch auch mal was sagen können,“ „die sind doch auch immer wieder zurückgegangen,“ „der hat doch sogar „Papa“ zu dem gesagt! Solche Konstruktionen basteln wir uns. Und wir werden die Scham los, indem wir uns immer wieder vergewissern, dass es richtig war sich nicht einzumischen: ‚wo kämen wir denn da hin, wenn ich da jedes Mal was sagte.’…

Scham, die zersetzt

Diese Form der Scham ist zersetzend. Sie zerstört Mitgefühl und Unterstützung. Sie isoliert die Betroffenen und verstärkt erneut die Macht der Täter oder Täterinnen. Sich wirklich damit auseinanderzusetzen, bedeutet sich schmerzlich einzugestehen, dass ich geschwiegen habe, weil ich Angst hatte oder zu bequem war, weil ich neidisch auf die Aufmerksamkeit war oder schlicht doch nicht dieser couragierte Mensch, der ich immer sein wollte. Eine solche Auseinandersetzung bedeutet sich den Spiegel vorzuhalten und wirklich hinzuschauen. Sich selber und seine Schwäche zu erkennen und damit umzugehen.

Courage, die es braucht

Tun wir das nicht, verändert sich genau nichts. Hinzusehen, aufzustehen und zu sprechen bedarf Courage. Jedes einzelne Mal.

Besonders schwer ist es dann, wenn wir Macht-Missbrauch bei Menschen beobachten, die wir lieben und kennen, die wir bewundern oder gar idealisieren. Wenn Bewegungen unterwandert werden und Institutionen infiltriert. Wir alle kennen Täter und Täterinnen. Wir alle kennen Menschen, die ihre Macht missbrauchen, um andere zu demütigen. In der Schule, im Sportverein, in der Nachbarschaft. Im Büro, auf dem Filmset, am Theater, im Radio, im Kinderschutzverein genauso wie im Vogelzüchterverein.

Das politische Geschäft – auch in Deutschland – zeigt, wie das mit der Demontage und Demütigung funktioniert. Wer nach oben will, muss hart sein und zubeißen können. Wer das nicht kann, gilt als schwach. Wer sich dieser Dynamik in den Weg stellt, läuft Gefahr unterzugehen und zurückgelassen zu werden. Also lieber nichts sagen und mitlaufen. Wenn es ganz schlimm wird, kann ich ja immer noch die Bremse ziehen. Aber, was ist ganz schlimm? Wie ziehe ich Grenzen, wenn ich gleichzeitig damit beschäftigt bin, sie zu verschieben und mich dafür zu schämen, meine Prinzipien und Integrität zu verraten?

Sehen, was ist

Wir müssen der Scham ins Gesicht sehen. Sie anerkennen und ehrlich zu uns sein. Wir brauchen Anlaufstellen, an die sich Betroffene von (sexualisiertem) Macht-Missbrauch wenden können. Wir brauchen eine offene Diskussion darüber, wo Macht-Missbrauch täglich stattfindet und warum wir bisher nichts dagegen getan haben. Denn wir wussten immer schon, dass die Betroffenen leiden. Das ist keine neue Erkenntnis, sondern uraltes Wissen. Jetzt ist es an der Zeit, diese Erkenntnis zu Selbst-Erkenntnis werden zu lassen. Die Courage zu suchen, die es braucht eine solche Dynamik zu verändern.

Es ist Zeit die Scheinwerfer auf diesen Macht-Missbrauch zu werfen. Sich dabei nicht in polemischen Debatten zu verlieren, sondern wirklich hinzusehen und zu handeln. Es ist Zeit, die Courage all derer die sich seit Jahrzehnten öffentlich äußern zu feiern und sich von ihr anstecken zu lassen. Es ist Zeit, die Scham abzulegen und empathisch zu sein.

 

Julia von Weiler über digitalen Exhibitionismus und Kinderschutz

„Mädchen erleben täglich Pornos im Netz“

Über digitalen Kinderschutz sprach Julia von Weiler beim 9. Security-Forum von Professor Friedrich Holl an der Fachhochschule Brandenburg. Am Rande stand die Vorsitzende des Vereins „Innocence in Danger“ der MAZ zu einem Interview zur Verfügung.

Nacktbilder und Kinderrechte

Die sogenannte Edathy-Affäre gibt der Gesellschaft auch eine Chance. Das hat die Diskussion bei Maybrit Illner erneut gezeigt. Wir müssen uns, ausgelöst auch durch die Bestellungen des Ex-MdB Edathy von Nacktbildern, uns mit der Problematik solcher Aufnahmen nackter Kinder befassen. Es geht darum, endlich verstehen, welche Gefahren und Zusammenhänge dabei bestehen. Nacktbilder von Kindern sind Vor- und Abfallprodukt der Dokumentation von Missbrauchsabbildungen, d.h. von sexualisierter Gewalt gegen Kinder in ihrer härtesten Form.

Sebastian Edathy hat leider noch wenig verstanden. Er hat die Chacen verpasst, sich zu entschuldigen, sagte ich bei Maybrit Illner

Im Zeitalter von Internet und sozialen Medien verändert sich zudem die klassische Form des Kinderbildes. Eltern, die ihre Kinder am Strand knipsen, darunter auch harmlose Nacktbilder, stehen heute in einer neuen Situation – wenn sie diese Fotos absichtlich oder unabsichtlich ins Netz hochladen. Ohnehin verändert das Netz den Umgang mit dem Bild, das Selfie ist zum wichtigsten Motiv der Selbstdarstellung geworden. Missbrauch und sexualisierte Gewalt verändern sich dabei auf vielfache Weise.

Bei WDR sagte ich in einem Radio-Interview: „Wir sind gezwungen, ein Stück paradiesische Naivität aufzugeben – weil uns immer wieder vor Augen geführt wird, dass die Nacktbilder von Kindern auch pervertiert werden. Wir müssen hier sehr genau unterschieden: Erfreue ich mich an dem Anblick – oder erkenne ich auch, wie diese Kinder bereits in Pose gesetzt sind. Welcher erwachsene Blick liegt schon in der Inszenierung dieses Bildes?“ Link dazu ins Radio zu WDR5

 

Rezensionen und Stimmen zur Sendung:

„Julia von Weiler sah im Handeln Edathys die typische Vorgehen eines solchen Täters: Erst leugnet er, dann bagatellisiert er, um sich am Ende als Opfer zu stilisieren.“ Frankfurter Rundschau

„Die Grauzonen im Bereich der Kinderpornografie sind immer noch zu groß.“ Welt

„Sebastian Edathy hat die große Chance vertan, sich zu entschuldigen“. BILD

„Noch nie war es so einfach wie heute mit den digitalen Medien, solche Bilder zu produzieren und dann auch noch weltweit zu verbreiten“, n-tv

Ein Experiment: Erste Buchlesung auf Chatroulette

JvWeiler_Lesung_Chatroulette

Vorsicht! Trigger Gefahr!

Die Lesung der Neuauflage des Aufklärungsbuches „Im Netz. Kinder vor sexueller Gewalt schützen“ auf Chatroulette fand am Nachmittag des 07.11.2014 statt und dauerte 60 Minuten. Alle zu sehenden Aufnahmen entstanden während dieser Zeit. Das Material musste zensiert werden.

Zu sehen ist das Experiment hier auf YouTube.

Informationen zum Buch finden Sie hier.

Netzwerk für Kinderschutz gegen Missbrauch: 95% der Hilfsangebote fehlen.

„Keine Grauzonen im Internet“

Ein Netzwerk unter der Schirmherrschaft von Familienministerin Schwesig kämpft gegen die Verbreitung so genannter Posen-Darstellungen, also geschlechtsbetonter Nacktaufnahmen von Kindern. Es ist ein wirklich wichtiges Signal: Die Würde von Kindern ist unantastbar auch im Zeitalter des digitalen Exhibitionismus.

Ministerin Schwesig und das Bundesfamilienministerium, jugendschutz.net, das Zentrum für Kinderschutz im Internet (I-KiZ), die Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter (fsm) und Goolge bilden dieses „Netzwerk gegen Missbrauch und sexuelle Ausbeutung von Kindern.“

Achtung

Bei einschlägigen Suchanfragen nach nackten Kindekörpern platziert Google eine Warn-Anzeige. Folgen Nutzer diesem Link, lesen sie über sexuellen Missbrauch und dass „Darstellungen des sexuellen Missbrauchs von Kindern“ rechtswidrig sind. Darüber hinaus verweist Google auf Meldestellen und Hilfsangebote für a) potentielle Täter, b) Kinder und Jugendliche, aber auch c) Erwachsene.

Ein Schelm wer böses dabei denkt, dass sich bei diesen Hilfsangeboten nur solche finden, die vom Bundesfamilienministerium gefördert werden. Andere wichtige, etablierte Anlaufstellen – die unter schwierigsten Umständen seit vielen Jahren gute Hilfe leisten – fehlen. Selbst das „Hilfeportal Sexueller Missbrauch“ oder das bundesweite „Hilfetelefon sexueller Missbrauch“ des „Unabhängigen Beauftragten für Fragen sexuellen Kindesmissbrauchs“, Johannes W. Rörig, werden unterschlagen.

Dabei verbirgt sich gerade hinter dem „Hilfeportal Sexueller Missbrauch“ die breite Expertise der verschiedenen Hilfsangebote, die Deutschland zu bieten hat. Eine solche Vielfalt ist wichtig, denn nicht jedes Angebot passt für jeden Hilfesuchenden – insbesondere die für potentielle Täter oder Täterinnen. Wir wissen, die Mehrheit der Täter ist nicht pädophil*. Dennoch leitet der Google Hinweis alle zu einem Therapieangebot für pädophile Männer. Ist das richtig?

Das Netzwerk ist leider nicht das breite Bündnis, das die Ministerin propagiert. Und es ist vor allem nicht das breite Bündnis, das es sein sollte! Im Gegenteil sorgt genau dieses Netzwerk des BMFSFJ dafür, dass 95% der Hilfsangebote für Kinder, Jugendliche, Eltern oder potentielle Täter bzw. Täterinnen bei der Google Warnung unterschlagen werden. Dient das wirklich dem Kinderschutz?

Dieses Netzwerk muss dringend erweitert werden!

* vgl. Beier K. M., Neutze J. (2009), Das neue „Präventionsprojekt Kinderpornografie“ (PPK): Erweiterung des Berliner Ansatzes zur therapeutischen Primärprävention von sexuellem Kindesmissbrauch im Dunkelfeld. Sexuologie 16 (4), S. 67.

Der Themenabend zu sexuellem Missbrauch in der ARD hat viel ausgelöst

Hier einige Stimmen:

Missbrauch an der Odenwaldschule durch gefeierte Reformpädagogen. Ist es zulässig, dazu einen Spielfilm zu machen? fragt faz.net

Reaktionen einiger Betroffener der Odenwaldschule auf den Film „Die Auserwählten.“ Ebenfalls in faz.net

Hat der anschließende Talk bei „Anne Will“ das Thema verfehlt? NOZ

Die Odenwaldschule beklagt, dass keiner ihrer Vertreter zu „Anne Will“ eingeladen war. faz.net

Der Themenabend in der ARD sorgt für Wirbel – auch online. „Die Auserwählten“ musste dabei auch Kritik einstecken konstatiert der stern

Sexueller Missbrauch als Thema bei „Anne Will“.  War die Runde wirklich so hoffnungslos, wie der Artikel beschreibt? Welt

Meine Meinung: Bei „Anne Will“ war es Adrian Koerfer von Glasbrechen e.V. zu verdanken, dass Themen wie Missbrauch in Institutionen außerhalb der OSO oder der katholischen Kirche, Missbrauch an Mädchen und Missbrauch durch Frauen überhaupt angesprochen wurden.

Hoffen wir also, dass die vielen Reaktionen den Kampf gegen sexuellen Missbrauch wirklich befördern!!